HOLLYWOOD

oder

DIE WACHT AM RHEIN

 

Zu sehen sind eine Filmkamera, Aufnahmepersonal und Kulissen,
in denen Schauspieler agieren.

 

 1
In der Botschaft der USA in Berlin
(1. Oktober)

  

BOTSCHAFTER(am Fenster):

Der Blick auf den Rhein war schöner.

SEKRETĂ„R:

Trotz Chamberlains Berg?

BOTSCHAFTER:

Was meinen Sie mit »Chamberlains Berg«?

SEKRETĂ„R:

Ich hab das von einem Briten. Er hatte auf den Petersberg gedeutet, einen der sieben Hügel von Königswinter, der von einem würfelförmigen Hotel gekrönt war. In den dreißiger Jahren hatte sich Neville Chamberlain dort aufgehalten, erklärte er. »Das war damals, als wir die Tschechoslowakei verschenkten ...«

BOTSCHAFTER:

Sagten Sie »Königswinter«?

SEKRETĂ„R:

Ja, Königswinter, wo unser Außenminister sein denkwürdiges Gespräch mit dem russischen Außenminister hatte. Vor 12 Jahren, am Vorabend der ersten 2+4-Verhandlungen über die „äußeren Aspekte der deutschen Einheit“.

BOTSCHAFTER:

Erzählen Sie mehr, bevor der Deutsche kommt.

SEKRETĂ„R (holt einen Zettel aus der Tasche):

Baker wollte den Sowjets unser Ja zur deutschen Vereinigung verständlich machen und hatte zu Schewardnadse gesagt: »Wir mußten zwei Kriege auf diesem Kontinent in diesem Land führen. Den verheerendsten kämpften wir Seite an Seite mit Ihnen als Verbündete. Wir wollen das nicht noch einmal tun müssen.«

BOTSCHAFTER:

Das hat Baker gesagt?

SEKRETĂ„R:

Ja, das hat Baker gesagt.

(Es klopft an der TĂĽr.)

Das wird der Mann aus der WilhelmstraĂźe sein.

(Der Deutsche kommt herein. Der Botschafter wendet sich vom Fenster ab, deutet auf eine auf dem Tisch liegende Zeitung und spricht zu dem Deutschen.)

BOTSCHAFTER:

Ist das auch Ihre Meinung?

DER DEUTSCHE (liest laut die Schlagzeile der Zeitung):

»FBI: Anschläge wurden in Deutschland geplant.«

BOTSCHAFTER:

Nicht das. Das hier!

DER DEUTSCHE(liest den Untertitel):

»Hoher deutscher Sicherheitsbeamter vermutet dagegen, Amerika wolle von fehlendem Fahndungserfolg ablenken.«

BOTSCHAFTER:

Ist das Ihre Meinung? Ist das die Meinung der Deutschen? Wollen Sie, daß wir jetzt sagen: Mit ihren Solidaritätserklärungen wollen die Deutschen davon ablenken, daß die Anschläge auf unser Land in Deutschland vorbereitet werden konnten?

DER DEUTSCHE:

Bitte nicht.

 

2

Im WeiĂźen Haus in Washington

  

C. RICE (schaut in ihr Textbuch und protestiert):

Das ist ja nun bisher nicht überliefert, daß die Nationale Sicherheitsberaterin des Präsidenten gesagt hat (wirft sich in Positur):

»Gentlemen, wir haben zwei Möglichkeiten. Deutschland anzuklagen. Oder zu bombardieren.«

G.W. BUSH:

»Deutschland zu bombardieren?«

C. RICE:

»Nein, Afghanistan.«

G.W. BUSH:

»Wieso Afghanistan?«

C. RICE

Ich schlage vor, daĂź Frau Rice, sich ans Klavier setzt und diese Frage von dort aus beantwortet. Es ist ja nicht ganz unbekannt, daĂź Frau Rice eine

(geht zum Klavier und intoniert dort, etwas in sich selbst versunken die bekannte Melodie aus »Casablanca«)

recht passable Pianistin ist.

G.W. BUSH:

»Eine sehr gute!«

C. RICE:

Also – auf die Frage des Präsidenten: Wieso Afghanistan? antwortet Frau Rice:

»Sie kennen doch (intoniert die Leitmelodie von »Casablanca« noch einmal rasch)

Sie kennen doch ›Casablanca‹, Mr. President?«

G.W. BUSH:

»Den Film mit Humphrey Bogart?«

C. RICE:

»Ja. Denken Sie an die Szene, wo es heißt: ›Die üblichen Verdächtigen‹. So werden wir vorgehen.«

(wendet sich an den unsichtbaren Regisseur) Nicht wahr?

G.W. BUSH:

»Und die Deutschen?«.

C. RICE:

»Werden sich danach drängen, mitzumachen! Bis sie hintenherum anfangen, Stimmung gegen uns zu machen. Und uns die alliierten Bombenangriffe gegen ihr Dresden vorhalten usw.«

G.W. BUSH:

»Werden sie das?«

C. RICE:

»Ja, das werden sie. Und noch mehr.«

STIMME AUS DEM OFF:

Entschuldigung. Der Text wurde geändert. Präsident, stellen Sie noch mal Ihre Frage.

G.W. BUSH:

Welche Frage?

STIMME AUS DEM OFF:

Die Frage nach den Deutschen.

G.W. BUSH:

»Und die Deutschen?«

STIMME AUS DEM OFF:

»Werden sich danach drängen, mitzumachen! Und hintenrum so reden wie der Bankier in Hamburg.«

G.W. BUSH:

In Hamburg?

STIMME AUS DEM OFF:

In einem Restaurant in Hamburg. Schon bald nach dem 11. September.

G.W. BUSH:

Was hat er denn gesagt?

STIMME AUS DEM OFF:

Er hat gesagt: »Es war der falsche Täter, es wurden die Falschen getötet, aber man hat die richtige Stelle getroffen.« Seine Haltung wurde kontrovers aber wohlwollend aufgenommen.

C. RICE (nimmt am Klavier einen Stift in die Hand):

Bitte noch mal. Zum Mitschreiben. Was hat der deutsche Bankier gesagt?

STIMME AUS DEM OFF:

»Es war der falsche Täter, es wurden die Falschen getötet, aber man hat die richtige Stelle getroffen.«

G:W: BUSH:

Was meint er mit »Der falsche Täter«?

Nachdem Rice
immer noch am Klavier sitzt, intoniert sie dort eventl. ganz zart
»Deutschland über alles über alles« (in der ursprünglichen Fassung aus dem »Kaiserquartett«) und sagt von der Regie die
STIMME AUS DEM OFF:

Das ist zu viel.


 

3
In der Botschaft der USA in Berlin
(16. Oktober)

 

BOTSCHAFTER
(am Fenster, dreht sich um, eine Zeitung in der Hand):

Hier, das wird Sie vielleicht aufmuntern.

SEKRETĂ„R (nimmt die Zeitung):

Ich kann kein Russisch.

BOTSCHAFTER (bleibt am Fenster):

Vielleicht sollten wir es lernen. – Ich kann Ihnen aber sagen, was drin steht. Es ist ein Interview, das Mrs. Rice der Iswestija gegeben hat. Sie sagt dort den Russen: »Uns hat die gemeinsame Besorgnis über die Gefahr seitens des internationalen Terrorismus einander näher gebracht. (...) Stellen Sie sich mal vor, die Terroristen hätten am 11. September ballistische Raketen eingesetzt. Das wäre die schrecklichste Waffe in den Händen der Kriminellen.«

SEKRETĂ„R:

Dabei fällt mir etwas ein.

BOTSCHAFTER:

»Die Ereignisse vom 11. September haben gezeigt, daß Amerika und Rußland riesige gemeinsame Interessen auf dem Gebiet der Sicherheit haben.«

Wobei fällt Ihnen etwas ein?

SEKRETĂ„R:

Bei »ballistische Raketen«.

BOTSCHAFTER:

Später. Kommen Sie zum Fenster. Sie können besser Deutsch.


SEKRETĂ„R (kommt zum Fenster):

Man muß nicht Deutsch können, um zu verstehen, was auf dieser Tafel steht: »Zuerst die Terroristen bestrafen, die Dresden, Hamburg, Hiroshima, Korea, Vietnam, Libyen, Irak und Jugoslawien zerbombt haben!«.

BOTSCHAFTER:

Daß »Dresden, Hamburg« in einem Atemzug mit »Vietnam« genannt werden, wird Sie besonders kränken. Gegen diesen Krieg waren Sie ja ...

SEKRETĂ„R (geht vom Fenster weg):

Ja.

BOTSCHAFTER:

Ist das nun eine Nazi-Demonstration?

SEKRETĂ„R:

Ich weiĂź es nicht. Vielleicht auch eine Friedensdemonstration.

(nimmt ein Buch auf und liest draus vor)

»... Turner wartete, bis er verschwunden war, und lief dann den Fluß entlang zum Taxistand. Da erhob sich plötzlich hinter ihm ein unheimliches Dröhnen von Füßen und Stimmen, der traurigste, tiefste Ton, den er je in seinem Leben gehört hatte. Die Kolonnen hatten sich in Bewegung gesetzt, sie schoben sich schlurfend und langsam vorwärts, schwer­fällig, beängstigend, ein rücksichtsloses graues Monstrum, das sich nicht länger bändigen ließ. Dahinter, im Nebel fast unsichtbar, stand die bewaldete Silhouette von Chamberlains Berg.«

BOTSCHAFTER:

War das von Ihrem Briten?

SEKRETĂ„R:

Ja.

BOTSCHAFTER:

Das erinnert mich an etwas.

SEKRETĂ„R:

An was erinnert Sie das?

BOTSCHAFTER:

Auch an ein Geräusch. Ich habe es im Spätherst 1989 in Berlin gehört. Dieses ständige Klopfen und Hämmern an der Mauer, bevor sie weg war. Es war mir unheimlich, das Geräusch.

 

 4
Im Deutschen Museum in MĂĽnchen
(17. Oktober)

 

 Eine Schulklasse und ihr Physiklehrer betrachten im Deutschen Museum in MĂĽnchen das dort ausgestellte Exemplar der »V 2«. Etwas abseits taucht ein älterer, möglicher­weise nicht mehr ganz nĂĽchterner MuseumsfĂĽhrer mit einem Stock auf ...

LEHRER:

Wir sprachen von »ballistischen Raketen«. Das ist eine: die »V2«, die sogenannte Vergeltungswaffe 2. Sie flog bis London und Amsterdam.

FĂśHRER:

Oder bis New York.

LEHRER:

Nein, dazu war ihre Reichweite viel zu gering.

FĂśHRER:

Als »Amerika-Rakete« nicht.

SCHĂśLER:

Was war das: die »Amerika-Rakete«?

FĂśHRER (zeigt mit dem Stock in der rechten Hand auf die Rakete):

Die Amerika-Rakete sollte aus dieser V2 bestehen, die auf eine andere, noch viel größere Rakete drauf gesetzt worden wäre.

LEHRER:

Dazu kam es also nicht mehr. Und wenn man den Aufwand fĂĽr eine einzige, doch relativ kleine Sprengladung bedenkt ...

FĂśHRER:

Für Manhattan hätte es gereicht.

LEHRER:

Allenfalls für ein paar Hochhäuser.

FĂśHRER (vertraulich):

»Er beschrieb, wie sich Wolkenkratzer in riesige, brennende Fackeln verwandelten, wie sie durcheinander stürzten, wie der Widerschein der berstenden Stadt am dunklen Himmel stand ...«

(Der FĂĽhrer wird wieder lauter, als er sieht, daĂź ein Museumsangestellter
hinzugekommen ist.)

Es war auch an eine Version gedacht, die von einem Piloten gelenkt wird.

SCHĂśLER:

Aber dann wäre der Pilot doch umgekommen. So wie die Piloten jetzt.

FĂśHRER:

Nein, der wäre kurz zuvor mit dem Fallschirm abgesprungen.

SCHĂśLER:

Araber wären besser gewesen.

LEHRER:

Dabei fällt mir Tante Gilla ein.

(zum Museumsangestellten gewandt)

Sie müssen wissen, daß wegen der Bombardierung des Ruhrgebiets die ganze Familie in die Oberlausitz kam, und dort war auch der Großmufti mit seinem Gefolge untergebracht und vielen »schönen Männern von der SS« ...

[Später, als der Ort versehentlich von 1000 Rotarmisten besetzt war statt von hundert, interessierte sich meine Tante mehr für die.

MUSEUMSANGESTELLTER:

Wieso versehentlich?

LEHRER:

Die Richtlinie war: 1 Rotarmist auf 10 Deutsche. Aber in den Karten der Sowjets hatte die Einwohnerzahl des Orts eine Null zuviel bekommen ...]

SCHĂśLER:

Was ist ein GroĂźmufti?

LEHRER:

Ich bin nur Physiklehrer. Aber soweit ich weiß, war das mal die oberste Autorität im religiösen Recht des Islam.

SCHĂśLER:

Und der war in Deutschland untergebracht?

LEHRER:

Ja, der Großmufti von Jerusalem. Als »Gast des Führers«.

STIMME AUS DEM OFF:

Jetzt, alter Mann, nehmen Sie den Stock in die linke Hand. Und Sie da halten seinen rechten Arm fest. Und sagen was?

MUSEUMSANGESTELLTER:

Nicht schon wieder.

 

5
Zwei Pressekonferenzen
(6. November)

 

 In der Botschaft der USA in Berlin

 

 BOTSCHAFTER

(steht am Fenster, Sekretär kommt in den Raum):

Nun?

SEKRETĂ„R:

Schröder macht mobil.

BOTSCHAFTER:

Sie ĂĽbertreiben.

SEKRETĂ„R:

Ja. Könnte aber von SPD sein, als sie noch nicht so weit dachte ...

BOTSCHAFTER:

Also: was hat er auf der Pressekonferenz nun verkĂĽndet?

SEKRETĂ„R:

Schröder sagte, unsere Regierung habe fünf verschiedene Anforderungen gestellt:

(nimmt einen Zettel zu Hilfe)

»ABC-Abwehrkräfte, womit der Spürpanzer Fuchs mit bis zu 800 Soldaten gemeint sei. Kapazitäten zur Evakuierung von verwundeten Soldaten mit etwa 250 Soldaten; Spezialkräfte in einem Umfang von etwa 100 Soldaten; Lufttransportkapazitäten mit etwa 500 Soldaten und Seestreitkräfte zur Kontrolle und zum Schutz des Schiffsverkehrs mit etwa 1800 Soldaten.«

BOTSCHAFTER:

Und das sollen wir alles angefordert haben.

SEKRETĂ„R:

Sagt der Kanzler. – Summa summarum sollen 3900 Soldaten bereit gestellt werden.

BOTSCHAFTER:.

Fast soviel wie unsere britischen Freunde. Und deutlich mehr als die Franzosen. – Aber was meint er mit »Bereitstellung« genau?

SEKRETĂ„R:

»Bereitstellung ist Bereitstellung«. Sagte Schröder, als er danach gefragt wurde.

BOTSCHAFTER:

Hat er etwas zum Einsatzort gesagt? Über alle Einsätze muß doch laut deren Bundes­verfassungs­gericht das Parlament entscheiden.

SEKRETĂ„R:

Danach wurde in der Pressekonferenz auch gefragt.

BOTSCHAFTER:

Und die Antwort?

SEKRETĂ„R (schaut auf seinen Zettel):

»Sie können doch vor dem Einsatz von Spezialkräften nicht den Bundestag damit befassen. Dann können Sie’s auch ganz lassen.«

BOTSCHAFTER:

Wo er recht hat, hat er recht.

 

Pressekonferenz in Washington

 

 DEUTSCHE JOURNALISTIN:

Herr Minister  – (sie spricht lauter, da sie ohne Mikrophon ist) – ... die militärische Kampagne, deutsche Soldaten dafĂĽr, und Sie haben um 3900 Mann gebeten. Also wollen wir wissen, wann und wo sie eingesetzt werden sollen und wo sie gebraucht werden, und warum Sie Spezialtruppen brauchen. Hat Amerika nicht genĂĽgend Spezialtruppen, oder sind unsere besser? (Gelächter.)

RUMSFELD:

Ich würde nie dran denken, auf den letzten Teil der Frage eine Antwort zu geben.(Gelächter.)
Und ich denke, daß die unseren gut ausgebildet, ausgerüstet und effektiv sind. –
Um Ihre Frage ein wenig umzuformulieren: So haben wir nicht gefragt. Wir haben um breite Unterstützung gebeten; wir haben die Leute gebeten, das zur Verfügung zu stellen, was sie für angemessen halten und was ihnen angenehm wäre. Wir haben nicht nach spezifischen Dingen gefragt, wir neigen nicht dazu, das zu tun. Und auch hier sage ich: es liegt an den Deutschen, zu benennen, was sie tun wollen.

DEUTSCHE JOURNALISTIN:

Wann werden sie eingesetzt? Wissen Sie das?

RUMSFELD:

Das liegt an ihnen.


 


6
Vor dem WeiĂźen Haus in Washington
(13. November)

 

ARD-Korrespondent
CLAUS KLEBER live aus Washington:

»Ob sie wollen oder nicht, die USA und Rußland sind zum ersten Mal seit dem Ende des zweites Weltkrieges Alliierte, im wahren Sinne des Wortes ...«

STIMME AUS DEM OFF:

Aus! Wir machen das morgen noch mal.

 

Der Kameramann schaltet die Kamera ab. Das Licht wird heruntergefahren. Das Aufnahmepersonal und die Schauspieler verlassen das Filmstudio.

 

 7
Im WeiĂźen Haus in Washington
(22. November)

  

Die Darstellerin der Condoleezza Rice spielt am Klavier etwas Beethoven (womöglich aus Wellingtons Victory, op. 91) und intoniert übergangslos die Melodie „Warum ist es am Rhein so schön?“.

STIMME AUS DEM OFF:

Hören Sie – das wäre doch ein Einfall, das da zu spielen, bevor Sie dem Präsidenten mitteilen, daß die Afghanistan-Konferenz von Berlin nach Bonn verlegt wurde?

C. RICE:

Frau Rice schaut auf, lächelt eine Spur ironisch.

»Ach ja?«

(Rice spielt weiter Klavier.)

 


 8
In der Botschaft der USA in Berlin
(26. November)

  

(Der Botschafter schaut wie immer aus dem Fenster. )

SEKRETĂ„R:

Morgen beginnt die Afghanistan-Konferenz.

BOTSCHAFTER:

Ich weiß: »Auf Chamberlains Berg«. – Das wollten Sie doch gesagt haben.

Aber ich glaube nicht, daĂź sich die Deutschen mit uns anlegen werden, bevor sie Europa in der Tasche haben.

SEKRETĂ„R:

Sie meinen: weil ihr AuĂźenminister so viel von Europa redet. Auch jetzt auf seinem Parteitag.

BOTSCHAFTER:

Interessiert mich weniger. Aber während Sie in München waren, war ich in Potsdam.

SEKRETĂ„R:

Im Cäcilienhof?

BOTSCHAFTER:

Nein. Uns wurde ein Archiv gezeigt.

SEKRETĂ„R:

Was fĂĽr ein Archiv?

BOTSCHAFTER:

Hat es Sie nie gewundert, daß die Deutschen so bereitwillig ihre geliebte D-Mark für den Euro hergeben? Da lesen Sie. (Gibt dem Sekretär ein fotokopiertes Dokument und wendet sich wieder dem Fenster zu.) Und übersetzen Sie.

SEKRETĂ„R (liest):

»Entwurf für eine Denkschrift des Auswärtigen Amtes über die Schaffung eines ›Europäischen Staatenbundes‹.

1. Notwendigkeit einer Einigung Europas.

Die Einigung Europas, die sich in der Geschichte bereits seit längerem abzeichnet, ist eine zwangsläufige Entwicklung ...«

Von wann ist das?

BOTSCHAFTER:

1943. – Lesen Sie die angestrichene Stelle.

SEKRETĂ„R (liest wieder):

»Die USA gehört in ihrer Totalität und mit all ihren Interessen einem fremden Erdteil an. An Europas bindet sie nichts.«

BOTSCHAFTER:

Nein, weiter hinten.

SEKRETĂ„R (liest):

»Die Lösung der europäischen Frage kann nur auf föderativer Basis herbeigeführt werden, indem die europäischen Staaten sich aus freiem, der Einsicht der Notwendigkeit entsprungenem Entschluß zu einer Gemeinschaft souveräner Staaten zusammenschließen ...«

Das schreiben die Nazis?

BOTSCHAFTER:

Ja. Und schauen Sie weiter ...

SEKRETĂ„R (liest):

»Um den Europäischen Staatenbund ins Leben zu rufen, genügt es, daß sich die Mehrzahl der europäischen Staaten zusammenschließt, den übrigen europäischen Ländern wird die Möglichkeit des Beitritts offen gehalten.«

Haben wir das nicht gerade?

BOTSCHAFTER:

Ja. Und noch mehr. Schau Sie hinten bei »Organisation ...«

SEKRETÄR (blättert und liest):

»... Regelung des Warenaustauschs nach dem Grundsatz der europäischen Präferenz gegenüber den außereuropäischen Ländern mit dem späteren Ziel einer europäischen Zollunion und eines freien europäischen Marktes, europäisches Zentralclearing und feste innereuropäische Währungsverhältnisse mit dem späteren Ziel einer europäischen Währungsunion.«

Der arme Mitterrand ...

BOTSCHAFTER:

Wieso jetzt »der arme Mitterrand«?

SEKRETĂ„R:

Er wollte doch die Deutschen mit dem Euro einbinden. Und dabei sind die selber schon 1943 auf die Idee einer Euro-Währung gekommen ...

Glauben Sie, daĂź die Deutschen Europa hinter sich bekommen werden?

BOTSCHAFTER:

Das weiĂź ich nicht. Auf jeden Fall werden sie dafĂĽr noch Zeit und Kraft brauchen und sich nicht mit uns anlegen.

SEKRETĂ„R:

Und wenn es eben darum zum Krach im Europa selbst kommt? Da vorne in dem Europa-Papier war doch was (blättert zurück), ja hier (liest):

»Die Einigung Europas wird durch den Deutschland von England, dem alten Feind des Kontinents, aufgezwungenen Krieg beschleunigt. Der Kampf Deutschlands gegen England ist der europäische Einigungs­krieg.«

BOTSCHAFTER:

Also, das nun würde in Deutschland keiner mehr sagen, auf den gehört wird.

(Der Sekretär schaltet den Fernseher ein und legte ein Kassette in den Videorecorder.
Auf dem Bildschirm erscheint der Lichthof im ehemaligen FĂĽhrerbau und heutigen Musikhochschule in MĂĽnchen, und auf der Treppe gibt
ein Darsteller Hitlers jemandem ein Interview ...)

BOTSCHAFTER:

Das ist doch Roger Willemsen.

SEKRETĂ„R:

Ja, am Schluß einer Nachstellung des »Münchner Abkommens«. (Gegebenenfalls gibt er selber die Sätze wieder, während die Szene auf dem Bildschirm läuft.)

WILLEMSEN (zu Hitler):

Das hätten Sie also geschafft. Aber warum sind Sie ein Jahr später, am 1. September, in Polen eingefallen? Der Historiker Professor Nolte meint ... (unterbricht sich) Ich sehe, Sie haben den Spiegel mit seinem Interview selbst dabei ...

HITLER(liest aus Noltes Spiegel-Interview):

»Der zweite Weltkrieg war tendenziell, der Möglichkeit nach, auch ein europäischer Einigungskrieg. Deutschland ist der größte Staat in Europa, und wenn man z.B. an Piemont denkt, kann man sich vorstellen, daß Deutschland Europa geeinigt hätte ...«

WILLEMSEN:

Aber ...

HITLER (liest weiter):

»... trotzdem kann man den zweiten Weltkrieg virtuell als einen Einigungskrieg Europas betrachten. Die bloße Tatsache der Gewaltanwendung liegt so sehr in der bisherigen Geschichte, daß man daraus allein dieses Verdammungsurteil nicht herleiten kann.«

BOTSCHAFTER:

Das ist ein starkes StĂĽck.

SEKRETĂ„R:

Ja.

 

9
In einem Fernsehstudio in Köln
(4. Dezember)

 

In Stühlen mit gerundeten Armlehnen sitzen links Alfred Biolek und rechts sein Gast, welcher der Direktor des jüdischen Museums oder der Botschafter der USA in Berlin sein kann. Zwischen ihnen ein kleiner dreieckiger Tisch mit zwei Wassergläsern.

BIOLEK:

Sie haben schon mehrmals gesagt, wenn Sie so immer hin- und herfahren zwischen Amerika und Deutschland: Ich komme nach Deutschland als Amerikaner und ich fahre zurĂĽck als Jude.

Was meinen Sie damit?

GAST:

Ich komme als Amerikaner an und bin noch keine ein, zwei Stunden hier, bevor nicht irgendein deutscher Bekannter, irgend jemand, aus sehr freundlichen und positiven Motiven heraus, mir signalisiert: »Ich weiĂź, wer Du bist. Du bist Jude.« Und mir etwas Nettes sagen will. Sagen will, wie gerne er oder sie doch Juden hat. Oder wie schreck­lich sie dies und jenes findet. Oder wie’s denn hier mit den Juden so ist. Und was ich von Israel halte. Usw. Also irgendwie ist man hier erst mal Jude und dann was anderes. 

BIOLEK:

Es gibt keine Selbstverständlichkeit ...

GAST:

Beide Seiten sind noch von diesen schrecklichen Ereignissen ...

BIOLEK:

Ja ...

GAST:

... irgendwie betroffen.

BIOLEK:

MuĂź man.

GAST:

Aber wenn ich mit jungen Menschen spreche, wenn ich in die Oberschulen gehe – ich war jetzt gestern in Brandenburg, in der Provinz, in dem Land, in zwei Gymnasien – und dort mit den 17-, 18-jährigen Abiturienten spreche, da wird’s schon anders.

Wir brauchen noch eine Generation.

BIOLEK:

Wir brauchen Abstand.

GAST:

Die sind vollkommen unbeschwert in dieser Beziehung.

BIOLEK:

Das ist eigentlich eine schöne Entwicklung. Ich hoffe, daß es so weitergeht.

 

10
In der Botschaft der USA in Berlin
(20. Dezember)

 

Der Botschafter schaut wie immer aus dem Fenster. Der Sekretär kommt mit einem Packen Zeitungen herein.

SEKRETĂ„R:

Ein Ruf wie Donnerhall!

(Der Botschafter reagiert nicht. Der Sekretär schmeißt den Packen Zeitungen
 auf den Tisch und wird sehr laut.)

»Wir wollen deutsche Soldaten sehen.«

BOTSCHAFTER:

Seien sie nicht so laut. Wer ruft nun was.

SEKRETĂ„R:

Afghanistan ruft.

BOTSCHAFTER:

Und es ruft: »Wir wollen deutsche Soldaten sehen«?

SEKRETĂ„R:

Ja. Steht hier wenigstens so.

BOTSCHAFTER:

Sie bringen jetzt also die »BILD-Zeitung« mit!

SEKRETĂ„R:

Nein, immer noch die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«.

BOTSCHAFTER:

Dann lesen Sie jetzt ordentlich vor.

SEKRETĂ„R (liest vor):

»KABUL, 19. Dezember. ›Die Deutschen müssen die internationale Schutztruppe in Afghanistan führen. Auf den Straßen Kabuls müssen deutsche Soldaten patrouillieren, keine Briten‹. Das sei die vorherrschende Meinung in der afghanischen Regierung, sagte der Berater des scheidenden afghanischen Präsidenten Rabbani, Hashmatullah Moslih, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. ›Die Deutschen haben in Bonn die führende Rolle bei der Suche nach einer politischen Lösung übernommen, nun sollen sie dies auch bei der Schutztruppe tun.‹ ...

BOTSCHAFTER:

Das war auf Ihrem Berg!

SEKRETĂ„R:

›Die Deutschen sind historisch in Afghanistan beliebt‹, begründete Moslih die Haltung, die insbesondere vom künftigen Verteidigungsminister Mohammed Fahim und seinen Militärführern vertreten werde.«

Reicht das?

BOTSCHAFTER:

Sie werden jetzt sicher noch sagen, daĂź schon Hitler deutsche Soldaten gen Afghanistan schicken wollte.

SEKRETĂ„R:

Ja, der auch.

BOTSCHAFTER:

Wer noch? Sie sind heute sehr einsilbig.

SEKRETĂ„R:

General Ludendorff wollte noch im Mai 1918 – oder schon –  einige wenige Bataillone deutscher Soldaten nach Afghanistan entsenden.

BOTSCHAFTER:

Und Hitler?

SEKRETĂ„R:

Anfangs auch nicht viel. Aber dann zweihunderttausend.

BOTSCHAFTER:

Die Beliebtheit der Deutschen muĂź ja ungeheuer sein. [Und heute alles auf dem RĂĽcken von uns.

SEKRETĂ„R:

Nicht mehr lange?

BOTSCHAFTER:

Was nicht mehr lange?

SEKRETĂ„R:

Auf dem Rücken von uns. – Sie werden sehen: der Bundestag wird übermorgen geschlossener für den Einsatz stimmen als vor ein paar Wochen. Damals schien es noch um die Unterstützung für uns zu gehen.

BOTSCHAFTER:

Und jetzt eher ums Gegenteil – wollten Sie doch sagen.

SEKRETĂ„R:

Ja.]

 

11
Zu Hause beim deutschen Verteidigungsminister
(21. Dezember)

 

Der Verteidigungsminister und die Gräfin Pilati sitzen nebeneinander auf dem Sofa.

VERTEIDIGUNGSMINISTER (spricht in die Kamera):

Wer wie ich zwischen 80 und 100 Stunden die Woche arbeitet, für den ist ein starker, liebevoller privater Background eine wunderbare Hilfestellung und Stärkung.

(Er legt seinen Kopf in den Schoß der Gräfin.)

GRÄFIN (spricht zunächst ebenfalls in die Kamera):

Politiker können es keinem recht machen, überall wird auf ihnen herumgehackt. Das macht Politik für mich persönlich abschreckend.

(wendet sich dem Verteidigungsminister zu)

Beruhige Dich, Rudolf. In drei Tagen ist Weihnachten.

VERTEIDIGUNGSMINISTER:

Bei aller Liebe: Ist das etwa keine Kriegserklärung, wenn ich von meinem US-Kollegen als irgendein Deutscher bezeichnet werde, über den er einen lustigen Bericht gesehen habe und dessen Äußerungen Unsinn seien?

GRĂ„FIN (etwas zerstreut):

Was geht den unser Privatleben an?

VERTEIDIGUNGSMINISTER (hebt den Kopf):

Darum ging’s doch nicht auf seiner Pressekonferenz!

(läßt den Kopf wieder sinken)

GRÄFIN (förmlich):

Also, was hat der US-Verteidigungsminister auf seiner Pressekonferenz nun genau gesagt?

VERTEIDIGUNGSMINISTER:

Er hat gesagt: »Oh, ich habe einen lustigen Bericht über irgendeinen Deutschen gesehen, der irgend etwas erzählt hat.«

GRĂ„FIN:

Und Du, was hattest Du eigentlich genau gesagt, worauf er so reagierte?

VERTEIDIGUNGSMINISTER:

Ich hab’ in Hinblick darauf, wie es nach Afghanistan weitergeht, den Presseleuten gesagt: »Jeder, der Somalia ausschließt, ist ein Narr. Natürlich wird da was passieren.«

GRĂ„FIN:

Und warum hast Du das gesagt?

Der Verteidigungsminister hebt seinen Kopf und flüstert der Gräfin etwas ins Ohr.
Darauf geschieht eine Zeitlang zunächst einmal gar nichts, die beiden schauen, offensichtlich um eine geeignete Äußerung verlegen, in die Kamera. Schließlich die

GRĂ„FIN
(in die Kamera):

Mein GlĂĽck heiĂźt Rudolf.

VERTEIDIGUNGSMINISTER:

Es ist unser gemeinsames GlĂĽck.

(in die Kamera)

Dank Tina bin glĂĽcklich, auch entspannter und ausgeglichener. Aber ich fĂĽrchte, wir haben viel zu wenig ĂĽber Politik gesprochen ...

  

12
In einem Schneideraum in Mainz
(25. Dezember)

 

 CUTTERIN (wendet den Kopf von den Geräten weg):

Wollen Sie wirklich, daĂź ich alle Stellen hintereinander schneide, in denen die Redner in der Bundestagsdebatte vom 22.12. mit dem Wunsch enden, daĂź unsere Soldaten heil und gesund wieder nach Hause kommen?

STIMME AUS DEM OFF:

Sind es denn so viele?

CUTTERIN:

Ja, fast alle. Einige verbinden das noch mit Weihnachten.

STIMME AUS DEM OFF:

Und was ist mit den Stellen, in den der 11. September vorkommt?

CUTTERIN:

Ich hab’ nur noch zwei gefunden. –  Dabei ist mir was anderes begegnet.

(Sie startet den Videorecorder und man hört den Redner)

O-TON (Gerhard, FDP):

Verehrte Kolleginnen und Kollegen, wer nicht ausschließlich mit einer Sichtblende in die deutsche Vergangenheit des letzten Jahrhunderts zurückblickt, der muß wissen – und das ist eine Anerkennung –, daß deutsche Soldaten weltweit hohen Respekt genießen, gewünscht werden und anerkannt sind. Ihnen gebührt unser ausdrücklicher Dank. (Beifall.)

CUTTERIN (stoppt während des Beifalls das Band):

Gehörten zum vorigen Jahrhundert nicht auch die beiden Weltkriege?

STIMME AUS DEM OFF:

Ja. – Gibt es sonst noch etwas zum Verhältnis zu den USA?

(Die Cutterin sucht auf dem Band.)

O-TON (Minister Scharping):

... wir in Deutschland nicht, wir in Europa nicht, die Internationale Staatengemein­schaft insgesamt hat die Fähigkeit nicht, in Afghanistan für Sicherheit zu sorgen. Wir bräuchten dafür über 300 000 Soldaten, um nur die größeren Städte und die Verbindung zwischen diesen Städten zu schützen.

STIMME AUS DEM OFF:

Hunderttausend mehr, als Deutschland im letzten Weltkrieg hinschicken wollte. Ich dachte eigentlich mehr an etwas von heute.  

CUTTERIN (sucht auf dem Band):

Kommt gleich nach Scharping

O-TON (Breuer, CDU/CSU):

… Wir schicken deutsche Soldaten in ein Umfeld, in dem wir, dann wenn ein Notfall eintritt, wenn sie in Bedrängnis kommen, mit deutschen Mitteln, mit Mitteln der Bundeswehr nicht dazu in der Lage sind, diese Soldaten aus der Notsituation zu retten. Wir sind auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten von Amerika angewiesen. ...

(Während der letzten Worte fällt erst das Licht und dann der Videorecorder aus.)

CUTTERIN:

Schon wieder!

LAUTSPRECHER:

Bitte räumen Sie die Studios und benutzen Sie die Notausgänge.

 

13
In der WĂĽste
(undatiert)

  

Zwei Soldaten. Der eine wird vom zweiten auf dem Rücken bzw. den Schultern getragen. Sie stecken in Kampfanzügen von Spezialeinheiten, die sich deutlich unterscheiden, aber keinen Aufschluß über die Nationalität geben. Die Gesichter sind so geschwärzt, daß man die Hautfarbe nicht erkennen kann.

ERSTER SOLDAT:

Das muĂź nicht sein.

ZWEITER SOLDAT:

Puh.

(Er wischt sich den SchweiĂź von der Stirn und marschiert schweigend weiter)

ERSTER SOLDAT:

Das muĂź nicht sein!

ZWEITER SOLDAT:

Was muĂź nicht sein?

ERSTER SOLDAT:

DaĂź ihr Splitterbomben abwerft.

ZWEITER SOLDAT:

Shut up! Sonst muĂźt Du selber gehen.

ERSTER SOLDAT:

Ich kann aber nicht. – Die Menschen bei uns zu Hause sind gegen solche Greuelwaffen wie Splitterbomben.

(Der untere Soldat schĂĽttelt sich, als ob er die Last abwerfen wolle.)

Au! Du tust mir weh. –

PaĂź auf, daĂź Du auf keine Mine trittst. Da liegen sicher ĂĽberall Eure Landminen rum. Ihr seid nicht besser als die Russen.

ZWEITER SOLDAT:

So schaffen wir es nicht.

(Er setzt den oberen ab, und der fällt um.)

ERSTER SOLDAT:

Du willst mich hilflos zurĂĽcklassen?

ZWEITER SOLDAT:

Allein schaffe ich es vielleicht.

(Der am Boden liegende Soldat zieht seine Pistole. Der zweite Soldat zieht ebenfalls seine Pistole.)

 

14
In der Botschaft der USA in Berlin
(abends)

  

Eine Sekretärin kommt und übergibt dem Sekretär ein Papier. Der Sekretär liest. Der Botschafter schaut aus dem Fenster und bricht, ohne sich umzudrehen, das Schweigen.

BOTSCHAFTER:

Was ist?

SEKRETĂ„R

(gibt zunächst der Sekretärin zu verstehen, daß sie sich entfernen soll):

Es ist einer erschossen worden.

BOTSCHAFTER:

Einer von unseren?

(Der Sekretär nickt stumm.)

BOTSCHAFTER:

Er ist nicht der erste. [Heute ist doch nicht (schaut in seinen Kalender) der 4. Januar.]

SEKRETĂ„R:

Er ist der erste, der von einem Deutschen erschossen wurde.

BOTSCHAFTER(wendet sich um):

Ich hätte gewettet, daß Sie jetzt sagen: »wieder«. –

Wieso hat der Deutsche geschossen?

SEKRETĂ„R:

Er wäre sonst selber erschossen worden. Sagte er, als er neben dem Toten gefunden wurde. –

Ich muĂź jetzt gehen. Meine kleine Tochter ins Bett bringen.

BOTSCHAFTER:

Lesen Sie ihr etwas vor?

SEKRETĂ„R:

Ja. [Die Geschichte vom Skorpion und vom Frosch.] Es war einmal ein Skorpion ...

BOTSCHAFTER:

... der bat den Frosch, ihn ĂĽbers Wasser zu tragen.

(schaut wieder aus dem Fenster)

Ich kenne die Geschichte.

Sie ist aber nichts zum Einschlafen.


 


15
Eine Wohnung in Westdeutschland


 

Eine Frau und ein Mann sitzen vor dem Fernseher (dessen Bild nur fĂĽr sie zu sehen ist).
Die Luftschutzsirenen ertönen.

GENOSSIN:

Jetzt hast Du ja, was Du wolltest.

AUTOR:

Wir sollten trotzdem in den Keller gehen.

GENOSSIN:

Hast Du Dir ĂĽberlegt, was die Arbeiter jetzt tun werden?

AUTOR (steht auf):

Vielleicht sollten wir die Diskussion im Keller fortsetzen.

GENOSSIN (rĂĽhrt sich nicht):

Sie werden sagen: Wir sind noch gar nicht gegen ein anderes Land marschiert. Und zu fanatischen Vaterlandsverteidigern werden. Wir werden es ihnen zu erklären versuchen. Aber als erstes wird das Haus mit der roten Fahne angezündet werden. Und die Hälfte der Organisation wird übergelaufen sein. Da hilft es auch nichts, in den Keller zu gehen.

AUTOR:

Wir sollten es trotzdem tun.

GENOSSIN:

Etwas anderes wäre es, wenn die deutschen Arbeiter die Dresche von ihresgleichen bekämen, von den Arbeitern anderer Länder.

[AUTOR:

Für die wäre es bestimmt etwas anderes. Aber ...

GENOSSIN] (steht auf):

Eben.] VergiĂź nicht, Deinen Text mitzunehmen.

(Beide gehen ab.)

STIMME AUS DEM FERNSEHER:

Die Bundesregierung teilt mit, daß der eben ausgelöste Luftschutzalarm eine Übung war.

 

16

Im WeiĂźen Haus in Washington
(24. Januar 2003)

 

C. RICE
intoniert auf dem Klavier die Marseillaise, die in das Deutschlandlied
 ĂĽbergeht, oder mischt beides, endend mit dem Deutschlandlied.

G.W. BUSH:

Was ist das?

C. RICE:

Das alte Europa!

G.W. BUSH:

Mir ist noch nicht ganz klar, was wir eigentlich wollen.

C. RICE:

Das beste wäre, Deutschland würde uns angreifen.

G.W. BUSH:

Aber wir sind doch viel stärker!

C. RICE:

Eben!

 

17

In der Botschaft der USA in Berlin
(24. Januar 2003)

 

JOURNALIST:

Wie beurteilen Sie im Augenblick die deutsch-amerikanischen Beziehungen? Halten Sie sie für massiv gefährdet?

BOTSCHAFTER:

Nun, das hat sicher eine Wirkung auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen, und zwar eine negative. Es macht es schwerer. Wir haben viele Punkte, an denen wir zusammenarbeiten – noch. Es gibt vieles, was uns verbindet und zusammenhält, und auch weiterhin. Aber deutlich ist dies eine schwerwiegende Einwirkung auf unsere Beziehungen. Und ich meine, es wird Folgen haben. Auch in der Zukunft. Folgen, die wir noch nicht alle überschauen können.

Wir haben Deutschland nicht gebeten, Truppen in den Irak zu schicken. Wir haben sie nie gebeten, sich militärisch zu beteiligen. Wir hätten das nicht getan. Wir wußten, das kann Deutschland nicht tun, und dann haben wir uns entschieden, es nicht zu tun.

Es war die Art und Weise, wie die Aussage getroffen wurde und wie sie, wie wir meinen, fĂĽr politische Zwecke genutzt wurde. Das fĂĽhrte zum Bruch.

Es war nicht die Position Deutschlands dazu. Deutschland hat jeden Anspruch auf eine Position, die es will. Es ist eine souveräne Nation. Aber wie das eingesetzt wurde und anscheinend für politische Zwecke genutzt wurde, schadete der Beziehung so sehr. Und das mißfiel dem Präsidenten.

 

18

In der Botschaft der USA in Berlin
(30. Januar 2003)

 

SEKRETĂ„R
(wirft das Feuilleton der SĂĽddeutschen Zeitung vom 30.1.03 auf den Tisch):

Das erklärt alles!

BOTSCHAFTER:

Was erklärt alles?

SEKRETĂ„R:

Die Deutschen waren mit ihren Truppen nicht nur in Afghanistan, sondern auch im Irak.

BOTSCHAFTER:

Wann?

SEKRETĂ„R:

Im zweiten Weltkrieg natĂĽrlich.

BOTSCHAFTER:

Ach, so.*

 

*Man kann natürlich auch fortfahren und den Sekretär aus dem Feuilleton der SZ vom 30.1.03, S.13, vorlesen lassen, aus dem Artikel »Eine verpaßte Gelegenheit – Als Hitler im Irak die Weltherrschaft verspielte« von Tobias Jersak:
      »Im April 1941 rĂĽstete das British Empire zum Krieg gegen den Irak. In groĂźem Tempo wurden Tausende von Soldaten an den Golf verlegt, ganze GroĂźverbände von anderen Zielen in Richtung Irak umdirigiert. Die Royal Navy kreuzte im Persischen Golf. Die durch Einheiten von nahen StĂĽtzpunkten ergänzte Royal Air Force hielt mehr als 200 Kampf-Flugzeuge fĂĽr einen Einsatz gegen den Irak bereit. (...)
      Das halbherzige deutsche Eingreifen beschränkte sich – in völliger Ăśberschätzung der irakischen Widerstandskraft – auf die Entsendung des Gesandten Groba, einer Militärmission und zweier Flugzeugstaffeln zu je 12 Maschinen, die vom 14. Mai an in Mossul eintrafen. Sie konnten den britischen Vormarsch gen Bagdad nicht aufhalten. Binnen kĂĽrzester Zeit waren fast alle Flugzeuge von der Royal Air Force abgeschossen oder beim Angriff auf den Flughafen Mossul getroffen worden. Am 29. Mai 1941 erreichten die britischen Truppen Bagdad, am Tag darauf floh der irakische Machthaber Gailani und der Gesandte Groba setzte sich nach Aleppo ab. Am 31. Mai 1941 unterzeichnete GroĂźbritannien mit dem neuen pro-britischen Regenten Jamil al-Midfai einen ehrenvollen Waffenstillstand, der es der irakischen Armee erlaubte, ihre Waffen zu behalten.
       Worum ging es in diesem Krieg eigentlich? Vielleicht erschlieĂźt sich die Antwort auf diese Frage erst aus der Zukunft der Vergangenheit: Einige Jahre später erklärte der englische Kriegspremier Winston Churchill, Hitler habe 1941 >die Gelegenheit verstreichen lassen, sich im nahen Osten einen groĂźen Schatz zu einem kleinen Preis zu nehmen<. Hitler selbst scheint diese wirtschaftspolitische Einsicht noch während des Krieges gekommen zu sein. Im Zusammenhang mit seinen Eroberungsplänen fĂĽr Afghanistan erklärte er im Januar 1942, als er noch einen Sieg ĂĽber die Sowjetunion erwartete, er sei entschlossen, >die Offensive in Richtung des Kaukasus wieder aufzunehmen, sobald das Wetter gĂĽnstig wĂĽrde<. Man mĂĽsse an das Ă–l und an Iran und den Irak herankommen ...«

 

19

In der Botschaft der USA in Berlin
(5. Februar 2003)

 

SEKRETĂ„R:

Sie erinnern sich an die Geschichte von unserem Soldaten, der von einem Deutschen erschossen wurde?

BOTSCHAFTER:

Ja, aber das hat sich ja als Irrtum herausgestellt.

SEKRETĂ„R:

Aber dies hier nicht.

(hält eine Zeitung hoch)

BOTSCHAFTER:

Sie werden es mir vorlesen.

SEKRETĂ„R:

»Manila (dpa). Bei einem Streit über die unterschiedliche Irak-Politik ihrer Länder hat ein deutscher Tourist auf den Philippinen einen amerikanischen Urlauber niedergestochen. Beide hatten sich zuvor angetrunken in einer Bar erst ein hitziges Wortgefecht und dann eine Schlägerei geliefert. Der 37 Jahre alte Münchner zog in dem Handgemenge plötzlich ein Messer und stach mehrfach zu.«

BOTSCHAFTER:

Ein MĂĽnchner?

SEKRETĂ„R:

Ja, ein MĂĽnchner.

 

20

Im WeiĂźen Haus in Washington
(11. Februar 2003)

 

C. RICE:

Jetzt mĂĽssen wir diesen Krieg fĂĽhren.

G.W. BUSH:

Wollten wir ihn nicht schon immer fĂĽhren?

C. RICE:

Jetzt mĂĽssen wir ihn fĂĽhren, weil sonst die Deutschen der Sieger sind.

 

 

Stand: 13.2.03 mit 5 neuen Szenen und einem EVENTUELLEN VORSPIEL am 31.12.2001
Auch wenn der Eindruck ein anderer sein mag:
Das Vorliegende, am 11. November 2001 Begonnene, ist nicht abgeschlossen.Sondern vor und nach den letzten Szenen können je nach der künftigen Entwicklung weitere folgen bzw. ergänzt werden (wie in
Szene 14).

“Chamberlains Berg”, Königswinter und das Hotel “Dreesen”, in dem 1938 das “Münchner Abkommen” vorbereitet wurde.

Condoleezza Rice,
Nationale Sicherheitsberaterin von G.W. Bush

Auf einer Friedensdemonstration in Berlin im September 2001 (aus “Konkret” 11/2001)

Eine »V 2«-Version und die »Amerika-Rakete«

Manhattan mit der vorgesehenenen Einschlagstelle der “Amerika-Rakete”. Das Diagramm darüber zeigt den jeweiligen Zerstörungsgrad.

Kanzler Schröder auf der Pressekonferenz am 6.11.2001

Condoleezza Rice

Euro-Silvester mit Dresdner-Bank-Chef Fahrholz, Bundesbankpräsident Welteke und Finanzminister Eichel (von links). “Die Dresdner Bank hat in ihre Hauptstadt-Dependance am Pariser Platz geladen, um die D-Mark zu verabschieden und das künftige Zahlungsmittel, den Euro, zu begrüßen. Welche Gäste wären bei dieser Silvester-Gala besser geeignet als Deutschlands Hüter der alten und neuen Währung? (...) Dan Coats, US-Botschafter in Deutschland applaudiert höflich, wenn die Deutschen eine strahlende Zukunft beschwören. Brav tauscht der Diplomat in der Stunde Null auch einen 100-Dollar-Schein - und lächelt mit den hiesigen Würdenträgern in die zahlreichen Kameras.” (Süddeutsche Zeitung vom 2.1.2002.)
Daraus wurde ein
EVENTUELLES VORSPIEL.

aus der öffentlichen Nachstellung des Münchner Abkommens 1938 im ehemaligen Führerbau in München am 3. Oktober 1995

»Boulevard Bio« am 4.12.2001

W. Michael Blumenthal

Verteidigungsminister Scharping mit Gräfin Pilati (“Bunte” 23.8.01) und im Dienst (SZ 22./23.12.01)

Zwischen 12 und 13 kann auch der Inhalt des EVENTUELLEN VORSPIELS mit der Silvester-Gala in der Hauptstadt-Dependence der Dresdner Bank folgen.

Die Militärgeistlichen verabschieden 50 Fallschirmjäger in der Oldenburger Donnerschwee-Kaserne (SZ, 7.1.2002)

(Ausschnitt aus “Office at night” von Edward Hopper.)

Condoleezza Rice

Der Botschafter der USA in Berlin Daniel R. Coats im Gespräch mit Thomas Roth am 24.1.03

SZ, 17.2.2003 (“Nein, ich glaube nicht, daß wir die Friedensdemos bombardieren sollten, Rumsy!”)

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